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11. Juni 2026

Vollblut für den Krisenfall: Intensiv- und Notfallmediziner richten Appell an Politik und Behörden

Die DIVI fordert die Schaffung der regulatorischen und rechtlichen Voraussetzungen für die Einführung von kalt gelagertem Vollblut zur Stärkung der Resilienz im zivilen Gesundheitswesen. Internationale Erfahrungen belegen die Sicherheit, Wirksamkeit und praktische Umsetzbarkeit dieses Konzeptes. Derzeit verhindern jedoch regulatorische Hürden in Deutschland die Nutzung von Vollblut als zusätzliche Quelle der Blutversorgung in Ergänzung zur etablierten Komponententherapie. Mit einem offenen Brief appelliert die DIVI an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), zeitnah die Voraussetzungen für eine qualitätsgesicherte, wissenschaftlich begleitete Einführung von Vollblut für Krisensituationen in definierten zivilen Versorgungsbereichen zu schaffen.

„Kalt gelagertes Vollblut wird international bereits erfolgreich in der Versorgung lebensbedrohlich blutender Patientinnen und Patienten eingesetzt“, erklären die federführenden Autoren des offenen Briefes, Prof. Thorsten Annecke, Sprecher der DIVI-Sektion Schock und Prof. Dania Fischer, Sprecherin der DIVI-Sektion Klinische Hämotherapie und Hämostasemanagement.

„Zivile und militärische Erfahrungen zeigen, dass Vollblut in kritischen Versorgungsszenarien eine wirksame, logistisch vorteilhafte und mit einem vertretbaren Risikoprofil umsetzbare Strategie zur Beherrschung massiver Blutungen darstellt“, unterstreicht Dania Fischer, Stellvertreterin des Ärztlichen Direktors und geschäftsführende Oberärztin der Klinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Heidelberg. „Auch in Europa haben mehrere Länder entsprechende Programme bereits etabliert oder planen deren Einführung“, ergänzt Thorsten Annecke, Leitender Oberarzt und Leiter der Operativen Intensivmedizin der Klinik für Anästhesiologie und operativen Intensivmedizin am Krankenhaus Köln-Merheim, Klinikum der Universität Witten/ Herdecke.

Deutschland muss sich auf Krisenszenarien vorbereiten

Die DIVI ist überzeugt: Die aktuelle Sicherheitslage in Europa, hybride Bedrohungen, mögliche militärische Konflikte sowie das zunehmende Risiko von Naturkatastrophen und Großschadensereignissen stellen das deutsche Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen. „Gerade bei einer hohen Zahl schwer verletzter Menschen und gleichzeitiger Einschränkung der kritischen Infrastruktur kann die etablierte Versorgung mit Blutkomponenten an ihre Grenzen stoßen. So müssen wir uns bereits heute mit den Versorgungsanforderungen außergewöhnlicher Schadenslagen beschäftigen und die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, um über alternative und weniger störanfällige Wege der Blutbeschaffung im Ernstfall handlungsfähig zu sein!“, fordert Annecke.

Internationale Erfahrungen belegen Sicherheit und Nutzen

Nach Einschätzung der DIVI sprechen die verfügbaren wissenschaftlichen Daten sowie die Erfahrungen aus dem Ausland klar für eine durch intensiv- und transfusionsmedizinische Fachgesellschaften wissenschaftlich begleitete kontrollierte Einführung von Vollblut in bestimmten Situationen und ausgewählten Einsatzbereichen. „Insbesondere bei lebensbedrohlichen Blutungen kann Vollblut wesentliche logistische Vorteile gegenüber der Versorgung mit Blutkomponenten bieten“, so Fischer. Die Einführung von Vollblut würde die Resilienz des deutschen Gesundheitssystems bei unzureichender Versorgung mit Einzelkomponenten stärken. Denn gerade bei Szenarien mit vielen Verletzten oder eingeschränkter Infrastruktur benötige man zusätzliche Versorgungsoptionen, die international bereits erfolgreich etabliert seien.

DIVI fordert jetzt konkrete politische Entscheidungen

Mit ihrem offenen Brief richtet die Fachgesellschaft daher konkrete Forderungen an die Politik bzw. die zuständigen Behörden. Dazu gehören insbesondere die rechtssicheren Regelungen für Herstellung, Bevorratung und Anwendung von kaltgelagertem Vollblut in zivilen Krisenlagen sowie die Berücksichtigung von Vollblutkonzepten in der Krankenhausalarm- und Einsatzplanung – auch vor dem Hintergrund einer anzustrebenden europäischen Harmonisierung und an der Schnittstelle zwischen dem zivilen und militärischen Bereich.

Darüber hinaus fordert die DIVI die Etablierung wissenschaftlich begleiteter Pilot- und Modellprogramme zur klinischen Anwendung sowie den Aufbau eines bundesweiten Registers zur Evaluation von Sicherheit, Wirksamkeit und Nachhaltigkeit.

Resilienz entsteht durch geübte Strukturen

„Es ist unser Ziel, für die Einführung eine belastbare logistische Grundlage zu schaffen und gleichzeitig praktische Erfahrungen für den Ernstfall zu sammeln“, fasst es DIVI-Präsident Prof. Florian Hoffmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg, zusammen. Die DIVI sei gerne bereit, die Entwicklung entsprechender Konzepte gemeinsam mit transfusionsmedizinischen Fachgesellschaften, Blutspendediensten, Behörden und politischen Entscheidungsträgern aktiv zu begleiten.

„Wenn wir die Nutzung von Vollblut an den Schnittstellen zwischen ziviler und militärischer Versorgung ermöglichen wollen, müssen wir die regulatorischen Rahmenbedingungen jetzt schaffen und die Anwendung im Alltag vorbereiten!“, unterstreicht der DIVI-Präsident. Nur so könne sichergestellt werden, dass das Produkt im Bedarfsfall sicher, effektiv und flächendeckend eingesetzt werden kann.

„Wir sollten diesen Pfeil im Köcher haben!“

Fotos: privat, Kliniken der Stadt Köln und Klinikum Dritter Orden (Peter Braun)