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08. Juli 2026

Nicht am falschen Ende sparen: DIVI fordert Kurswechsel beim GKV-Stabilisierungsgesetz

„Jeder Mensch in Deutschland muss sich darauf verlassen können, im medizinischen Notfall schnell und sicher versorgt zu werden. Extreme Wetterlagen wie der Hitzedom der vergangenen Tage, Infektionswellen oder schwere Unglücke lassen sich nicht planen. Umso wichtiger ist es, dass die Krankenhäuser, die unsere Notfall- und Intensivversorgung tragen, wirtschaftlich stabil bleiben. Gesundheitspolitik muss diese Strukturen stärken – und nicht zusätzlich unter Druck setzen.“

Mit diesem Appell richtet sich der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Prof. Florian Hoffmann (li.), Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg, an die Mitglieder des Deutschen Bundestages. Diese entscheiden am Freitag über das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Mit einer heute veröffentlichten Stellungnahme fordert die DIVI die Abgeordneten auf, das Gesetz an entscheidenden Stellen nachzubessern.

Das Ziel, die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung langfristig zu stabilisieren, unterstützt die Fachgesellschaft ausdrücklich. Sie warnt jedoch davor, die wirtschaftliche Grundlage jener Krankenhäuser zu gefährden, die einen Großteil der Notfall- und Intensivversorgung in Deutschland sicherstellen. „Eine verlässliche Notfallversorgung gibt es nicht zum Nulltarif. Aber sie kostet auch keine neuen Milliarden. Sie verlangt kluge Prioritäten bei der Verwendung der vorhandenen Mittel“, so Hoffmann.

Nicht überall sparen, sondern dort investieren, wo Versorgung gesichert wird

GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz-StellungnahmeNach Berechnungen des Krankenhaus Rating Reports könnte bis 2030 jedes zweite Krankenhaus wirtschaftlich in eine existenzielle Schieflage geraten. Betroffen wären damit vor allem auch die versorgungsrelevanten Krankenhäuser – jene, die den größten Teil der intensiv- und notfallmedizinischen Versorgung übernehmen.

„Die Frage ist nicht, ob unser Gesundheitssystem effizienter werden muss. Die Frage ist, wo wir sparen.“ Prof. Christian Karagiannidis (Mitte), Mitglied des DIVI-Vorstandes und Leiter des ARDS- und ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim, macht deutlich, worum es der Fachgesellschaft geht: „Die Krankenhäuser der Notfallstufen 2 und 3 sind die tragenden Säulen unseres Versorgungssystems. Wer ausgerechnet diese Strukturen wirtschaftlich schwächt, setzt die falschen Prioritäten.“

Karagiannidis verweist zugleich auf die der Stellungnahme beigefügten Versorgungskarten. „Unsere Karten zeigen, dass eine flächendeckende Notfallversorgung auch mit einer stärker konzentrierten Krankenhausstruktur möglich bleibt – wenn wir die richtigen Kliniken gezielt stärken. Genau darin liegt der Unterschied zwischen pauschalem Sparen und strategischer Gesundheitsplanung.“

Es geht nicht um mehr Geld, sondern um bessere Entscheidungen

Die DIVI spricht sich ausdrücklich nicht für den Erhalt aller Krankenhausstandorte aus. Stattdessen schlägt sie vor, die vorhandenen finanziellen Mittel gezielt dort einzusetzen, wo sie für die Versorgung der Bevölkerung den größten Nutzen entfalten: Krankenhäuser der Notfallstufen 2 und 3 sollen wirtschaftlich abgesichert werden. Gleichzeitig sollen Standorte der Notfallstufe 1 dort weiterentwickelt werden, wo sonst Versorgungslücken entstehen würden. So könne eine flächendeckende, leistungsfähige Notfallversorgung dauerhaft gesichert werden.

„Die vergangenen Tage haben gezeigt, wie schnell Krankenhäuser unter Druck geraten können. Die finanziellen Spielräume werden auf absehbare Zeit deutlich kleiner werden. Gerade deshalb müssen wir sie klüger nutzen“, betont Prof. Uwe Janssens (re.), medizinischer Geschäftsführer der DIVI und Direktor der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler. „Es geht nicht um mehr Geld. Es geht darum, mit den vorhandenen Mitteln die richtigen Prioritäten zu setzen. Jeder Euro, der die tragenden Strukturen der Notfall- und Intensivversorgung stärkt, schützt am Ende das gesamte Gesundheitssystem.“

Vertrauen entsteht durch verlässliche Versorgung

Für die DIVI stehen eine stabile Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung und eine leistungsfähige Notfallversorgung nicht im Widerspruch. „Die Menschen erwarten zu Recht, dass sie im medizinischen Notfall überall in Deutschland schnell und auf hohem Niveau versorgt werden. Diese Sicherheit darf nicht vom Zufall oder von der wirtschaftlichen Lage einzelner Krankenhäuser abhängen. Sie ist ein Kernversprechen unseres Gesundheitswesens!“, so Hoffmann.

Sein Appell an Politik und Länder lautet deshalb: „Wir brauchen keine pauschalen Kürzungen nach dem Rasenmäherprinzip. Wir brauchen den Mut, die vorhandenen Mittel dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen für die Versorgung der Bevölkerung entfalten. Deshalb fordert die DIVI, die Krankenhäuser der Notfallstufen 2 und 3 wirtschaftlich gezielt abzusichern und Standorte der Notfallstufe 1 dort zügig weiterzuentwickeln, wo sonst Versorgungslücken entstehen. So schaffen wir ein Gesundheitssystem, das im Alltag trägt und auch in der nächsten Krise belastbar bleibt.“

Besonders alarmiert zeigt sich Hoffmann mit Blick auf die Kinder- und Jugendmedizin. „Die Versorgung von Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Wenn ein Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge nun dazu führt, dass ausgerechnet Kinderkliniken ärztliche Stellen abbauen müssen, oder in die Insolvenz getrieben werden, ist das falsch. An der Versorgung unserer Kleinsten darf nicht gespart werden.“

„Kinder können ihre Interessen nicht selbst vertreten. Umso größer ist die Verantwortung der Politik, ihre medizinische Versorgung zu schützen. Wer heute in die Gesundheit von Kindern investiert, investiert in die Zukunft unseres Landes. Daran muss sich jede gesundheitspolitische Entscheidung messen lassen“, betont DIVI-Präsident Hoffmann.


Fotos: Mike Auerbach und Marcus Simaitis