Zum Hauptinhalt springen

Aktuelle Meldungen

25. August 2026

Der Mensch bleibt unser Maßstab

Professor Dr. med. Uwe Janssens und Rolf Dubb, B.Sc. M.A., über den DIVI26, Interprofessionalität und die Zukunft der Intensiv- und Notfallmedizin

Der DIVI26 steht unter dem Motto „Der Mensch im Mittelpunkt“. Für die beiden Kongresspräsidenten Professor Dr. med. Uwe Janssens und Rolf Dubb, B.Sc. M.A., ist das mehr als eine programmatische Überschrift. Im Gespräch wird deutlich: Moderne Intensiv- und Notfallmedizin braucht Hightech, wissenschaftliche Exzellenz und klare Strukturen – aber sie bleibt nur dann gut, wenn sie den Menschen nicht aus dem Blick verliert.

Gemeinsame Verantwortung statt Symbolik

Für Rolf Dubb beginnt dieser Anspruch bei der Zusammenarbeit. Der DIVI-Kongress stehe wie kaum ein anderes Format für die Verbindung von Intensivmedizin, Notfallmedizin, Präklinik, Pflegefachberufen, Wissenschaft, Management und Ausbildung. Interprofessionalität dürfe dabei kein Schlagwort bleiben: „Moderne Intensiv- und Notfallmedizin funktioniert nur im Team – über Berufsgruppen, Fachdisziplinen und Sektorengrenzen hinweg.“
Auch Uwe Janssens sieht in der gemeinsamen Kongresspräsidentschaft ein wichtiges Zeichen - die enge Partnerschaft mit einem pflegerischen Kongresspräsidenten sei keine Symbolik, sondern gelebte Realität. Der Kongress solle daran erinnern, worum es in der Medizin im Kern geht: „Menschen in ihren verletzlichsten Momenten beizustehen.“

Der Mensch im Mittelpunkt – Patientinnen, Angehörige und Teams

Das Kongressmotto verstehen beide Präsidenten bewusst weit. Für Dubb geht es zunächst um die Patientinnen und Patienten und ihre An- und Zugehörigen – also um die Menschen, denen die Versorgung gilt. Zugleich nimmt er diejenigen in den Blick, die diese Versorgung jeden Tag ermöglichen: Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen, Rettungsdienst, Therapieberufe, technische Dienste, Verwaltung, Wissenschaft und Ausbildung. Patientensicherheit, Fehlerkultur, Kommunikation, Respekt und Wertschätzung gehören für ihn deshalb untrennbar ebenfalls dazu.

Janssens beschreibt das Motto als Weckruf. In Zeiten von technologischem Fortschritt, Ökonomisierung und Bürokratie dürfe der Kern der Arbeit nicht verloren gehen: „Wenn Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen als am Bett des Patienten, läuft etwas grundlegend falsch.“ Besonders deutlich werde dieser Anspruch in Grenzsituationen. Patientinnen und Patienten seien keine „Kunden“, betont Dubb, sondern Menschen mit Biografie, Beziehungen, Hoffnungen und Ängsten. Janssens ergänzt den Blick auf Angehörige: Sie seien in der Intensivmedizin nicht bloß Beobachtende, sondern selbst Menschen in einer existenziellen Krise. Deshalb brauche es verständliche Information, Einbindung und Unterstützung.

Entscheidungen besser vorbereiten

Ein wichtiges Thema des DIVI26 ist die Frage, wie Entscheidungen in der Intensiv- und Notfallmedizin künftig besser vorbereitet und gemeinsam getragen werden können. Janssens sieht in der vorausschauenden Behandlungsplanung, dem Advanced Care Planning, einen Schlüssel: Behandlungswünsche, Werte und Grenzen sollten möglichst vor einer akuten Krise besprochen und dokumentiert werden. „Advanced Care Planning ist kein Luxus, sondern eine dringende medizinische und gesellschaftliche Notwendigkeit.“ Dubb verbindet diese ethische Perspektive mit Versorgungsqualität im Alltag. Prävention bedeute nicht nur, einzelne Komplikationen zu vermeiden. Es gehe auch um gute Ausbildung, Simulation, sichere Übergaben, Delir-, Sepsis- und Infektionsprävention, Rehabilitation, Angehörigenarbeit und psychologische Sicherheit in den Teams.

Technik nutzen, Verantwortung behalten

Neue Technologien sehen beide als Chance, allerdings nur, wenn sie richtig eingesetzt werden. Künstliche Intelligenz könne helfen, kritische Entwicklungen früher zu erkennen, etwa bei einer Sepsis, sagt Janssens. Zugleich könne digitale Entlastung Zeit zurückgeben: für Gespräche am Krankenbett, für Angehörige und für ethische Reflexion.
Dubb sieht den Wert neuer Technologien dort, wo sie Versorgung sicherer, schneller und präziser machen. Entscheidend sei aber nicht die Technik an sich, sondern ihr Nutzen für Patientensicherheit, Versorgungsqualität, Arbeitsfähigkeit der Teams und Menschlichkeit: „Wir sollten neue Technologien weder unkritisch feiern noch reflexhaft ablehnen.“

Ethische Leitplanken bleiben unverzichtbar

Bei aller Offenheit für Fortschritt ziehen beide jedoch eine klare Grenze: Verantwortung lässt sich nicht an Maschinen delegieren. Janssens warnt: KI könne Wahrscheinlichkeiten berechnen, aber keine ethischen Entscheidungen treffen. „Ob eine invasive Maßnahme sinnvoll ist oder eine Therapie begrenzt werden soll, bleibt ein menschlicher, moralischer Akt“, so Janssens.
Dubb formuliert es ähnlich: „Am Ende kann nur der Mensch über Menschen entscheiden.
Dazu gehört für beide auch die Debatte über ökonomische Rahmenbedingungen. Medizinische Entscheidungen dürfen nicht von Controlling-Logiken oder wirtschaftlichem Druck bestimmt werden. Janssens bringt es klar auf den Punkt: „Medizinische Indikationsstellung darf niemals betriebswirtschaftlich diktiert werden.“

Hightech und Humanität zusammendenken

Im Mittelpunkt steht für beide eine gemeinsame Botschaft: Die Zukunft der Intensiv- und Notfallmedizin liegt nicht im Gegensatz von Hightech und Humanität, sondern in ihrer Verbindung. Dubb betont „Fachkompetenz ohne Menschlichkeit bleibt unvollständig; Menschlichkeit ohne Fachkompetenz reicht in Hochrisikobereichen nicht aus.“
Janssens fasst denselben Gedanken in einem Satz zusammen: „Technologie ist unser Werkzeug – der Mensch bleibt unser Maßstab. Ein Erfolg ist der DIVI26 für beide, wenn die Teilnehmenden nicht nur neues Wissen mitnehmen, sondern auch eine gemeinsame Haltung: Intensiv- und Notfallmedizin ist Teamleistung – fachlich exzellent, interprofessionell, ethisch reflektiert und konsequent am Menschen orientiert.

Foto: Mike Auerbach